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Vom Büroalltag in die Bergwelt aufgestiegen



(Dieser Artikel wurde im Rahmen der Sommerserie «Die Taglöhner» der Regonalzeitung Willisauer Bote am 9. August 2016 veröffentlicht.)



von Monika Wüest



Taglöhnerin Wüest geht hoch hinaus: Ihr Arbeitsplatz befindet sich auf 2265 Meter über Meer. Trotz der Höhe: Der Einsatz in der SAC-Hütte im Walliser Binntal ist eine heisse Sache.

Bereits nach 15 Minuten tropft mir der Schweiss von der Stirn. Etwas später fliesst er. Die Augen brennen, die Kleider kleben, der Atem geht schwer. Streng, dieser Taglöhnereinsatz. Und dabei bin ich an meinem Arbeitsplatz noch gar nicht angekommen. An einem schwülheissen Julitag bin ich zu Fuss unterwegs in die Binntalhütte oberhalb von Fiesch. Dort, in der Hütte des SAC Delémont, werde ich 24 Stunden lang die Nebiker Hüttenwartin Bernadette Ackermann und ihre Hüttengehilfen Heidi und Ernst unterstützen.

Die Hüttenwartin

Bernadette Ackermann, aufgewachsen in Langnau und Richenthal als Tochter eines Melkers, ist hier eine Woche lang Chefin. Im Gegensatz zu den meisten anderen SAC-Hütten hat jene im Binntal keinen festen Hüttenwart, sondern wird von Sektionsmitgliedern abwechslungsweise geführt. Zum SAC Delémont kam die Wiggertalerin über ihren Schwager. Der gebürtige Dagmerseller Hans Frey wohnte lange in Delémont und ist dort in der Hüttenkommission. Sie selbst ist nun in der vierten Saison in der Binntalhütte im Einsatz. Je eine Woche im Juli und im September, immer mit den zwei gleichen Gehilfen des SAC Zofingen, ihrer eigentlichen Sektion. Sie, früher eine «vergiftete Volleyballspielerin, die nicht wusste, dass es Berge gibt», verliebte sich erst vor wenigen Jahren dank ihrer Schwester in die Bergwelt. Sie liess sich beim SAC zur Wanderleiterin ausbilden und absolvierte vor fünf Jahren die Hüttenwartausbildung.

Seit April ist die ehemalige Administrationsmitarbeiterin der Nebiker Baufirma Wüest nun pensioniert. Und hat im SAC-Clubheft ein Inserat geschaltet, in dem sie sich als «Hüttenspringerin» anbietet. Tage- oder wochenweise übernimmt sie die Verantwortung in einer Hütte, um die eigentlichen Hüttenwarte zu entlasten. Als Gehilfin zu arbeiten, ist für sie keine Option. «In der Zeit, in der ich in der Hütte bin, will ich die Verantwortung haben», sagt sie. Im Winter arbeitete sie eine Weile in der Tuoi-Hütte oberhalb von Guarda im Engadin, tageweise ist sie diesen Sommer in der Corno-Gries-Hütte in der Nähe des Nufenenpasses im Einsatz. Nicht mehr zu arbeiten – das kommt für die 64-Jährige nicht infrage. Sie sei am Anfang «sehr traurig» gewesen, am Morgen nicht mehr ins Büro zu dürfen. «Doch langsam gewöhne ich mich daran.»

Es geht drunter und drüber

Ich dagegen freue mich darauf, für einmal nicht im Büro arbeiten zu müssen. 750 Höhenmeter und zwei Stunden nach dem Abmarsch in Fäld habe ich meinen Arbeitsplatz kurz nach Mittag erreicht. Auch auf 2265 Metern über Meer ist es an diesem Julitag noch warm. Doch das kühle Wasser aus dem Gebirgsbach neben der Hütte wirkt Wunder. Ich bin bereit, anzupacken. Der Augenblick ist allerdings schlecht gewählt. Nach mir treffen immer mehr Gäste ein, Bernadette Ackermann kommt nicht dazu, mir meine Arbeit zu erklären. «Es ist immer so», sagt sie. «Entweder läuft nichts oder es geht gleich drunter und drüber.» Sie und Hüttengehilfin Heidi nehmen Bestellungen von Tagesgästen entgegen, servieren Rivella, Bier, Suppe und Würste, kassieren ein, beantworten Fragen, begrüssen Übernachtungsgäste. Dass genau in diesem Moment in der Küche ein Glas zerbricht und die Scherben in die hintersten Winkel und Ritzen fliegen, gehört wohl dazu.



Der Finkensalat

Doch das Hüttenteam bleibt gelassen. Die beiden Frauen mögen es, wenn etwas läuft. Und Ernst, der einzige Mann und Senior des Teams, bringt so oder so nichts aus der Ruhe. Er packt an, wann und wo es nötig ist, entsorgt den Abfall, hackt hinter der Hütte Holz, damit am nächsten Morgen der Ofen in der Küche wieder genügend Nahrung hat. «Den Ofen anfeuern – das ist dann deine Aufgabe», erklärt mir Bernadette, sobald sie Zeit hat für mich.

Nun ist es Zeit für meinen ersten Job. Hüttenfinken sortieren ist angesagt. «Ein Riesengheu» habe es wieder gegeben, sagt die Hüttenwartin. Also: Im Durcheinander jeweils zwei gleich grosse Finken suchen, wenn möglich in der gleichen Farbe, und sie in das richtige Regal stellen. Eine halbe Stunde später herrscht wieder Ordnung im Eingangsraum. Zumindest bis am nächsten Morgen.

Nicht ganz so schlimm sieht es in den Schlafsälen aus. Die meisten Kissen sind am richtigen Ort, die Wolldecken zusammengelegt. Doch Ernst ist nicht zufrieden. Die Decken müssen alle gleich gefaltet sein, damit es «e chli e Gattig» mache. Es ist offensichtlich: Das Wolldeckenzusammenlegen hat er im Militär gelernt. Auf jede Matratze gehören zwei Decken, fein säuberlich aufeinandergelegt, die Streifen alle gleich ausgerichtet. Schweigend falten wir Decke um Decke. Bei über 40 Schlafplätzen macht das etwa 80. Irgendwann zupft Ernst zufrieden die letzte zurecht. «So, das sieht doch gleich viel besser aus.» Recht hat er.

Italien ist nah

In der Küche ist es inzwischen ruhiger geworden. Die Tagesgäste sind wieder unterwegs ins Tal, die meisten Übernachtungsgäste sind angekommen und haben es sich mit einem Bier oder einer Kanne Tee in der Nachmittagssonne vor der Hütte gemütlich gemacht. 19 Gäste sind heute hier, aus der Schweiz, Deutschland und Holland, darunter zwei Familien mit Kindern. Der Weg zur Hütte ist einfach, das Gelände ungefährlich. Die meisten Gäste sind lediglich zum Übernachten hochgekommen oder machen eine Mehrtageswanderung. In einer halben Stunde erreicht man den Albrunpass und damit Italien. Die Alpe Devero oder das Val Formazza sind beliebte Ziele von hier aus.

Hochalpine Touren werden von der Hütte aus eher selten gemacht. Das beruhigt mich. Ich muss also nicht um vier Uhr aufstehen, um Feuer zu machen. «Frühstück gibts von sieben bis acht Uhr», sagt Bernadette. So spät bin ich in einer SAC-Hütte schon lange nicht mehr aufgestanden. Mir solls recht sein.

Die Hauptarbeit für das Nachtessen haben die beiden Frauen bereits am Morgen erledigt. Die Gemüsesuppe köchelt schon seit Stunden, im Ofen gart Geschnetzeltes mit Sauce. Dazu gibts Salat und Stocki. Doch das kann noch etwas warten. Bis 18 Uhr habe ich etwas Zeit für mich. Das trifft sich gut. Denn ein Gast hat unweit der Hütte Edelweisse entdeckt. «Dort oben, links der zwei länglichen Steinbrocken, unterhalb des roten Felsbands.» Und siehe da: Neben vielen anderen Blumen in allen Farben und Formen finde ich tatsächlich zahlreiche Edelweisse. Vor allem aber sonnengewärmte Felsen, die zum Ausruhen einladen. Doch für mehr als fünf Minuten liegen und Aussicht geniessen reicht die Zeit nicht. Die Arbeit ruft wieder.

Die Suppentopf-Challenge

Jetzt sind meine guten Augen gefragt. Denn die Schrift auf den grossen Stocki-Packungen ist ziemlich klein. So wird auch ein einfaches Rezept schwierig. Ein paar Minuten später wissen wir: Konsistenz und Geschmack stimmen, wir haben richtig gelesen. Während die Stocki im grossen Topf zieht, decke ich die Tische. Auf Wunsch der Gäste essen wir heute draussen. Das stellt mich vor die grösste Herausforderung meines Hüttenaufenthalts: Die heissen Suppentöpfe von der Küche nach draussen zu bringen. Kein einfaches Unterfangen - doch ich schaffe es ohne Unfall.

Es ist ein wunderschöner Sommerabend. Die Gäste und das Hüttenteam geniessen das Essen und die herrliche Bergkulisse. Und die Hüttenwarte-Ausbildung von Bernadette Ackermann bewährt sich. Die Essensmenge geht genau auf. Das gilt nicht fürs Dessert. Es bleiben gleich einige Portionen übrig. Kein Problem. Resten verwerten gehört eben auch zum Job. Und zu Schoggicreme habe ich noch nie Nein gesagt.

Nun ist der Abwasch an der Reihe. Alle helfen mit, so ist das schnell erledigt. Und das Hüttenteam hat Zeit, den Abend gemütlich am Küchentisch ausklingen zu lassen. Um 22 Uhr ist für die Gäste Nachtruhe. Ich helfe noch dabei, möglichst viel für das Zmorge anzurichten. Doch dann heisst es auch für mich schlafen gehen. Die Wolldecken lasse ich zusammengefaltet. Es ist noch immer ziemlich warm.

Und täglich warten die Wolldecken

Um 6.30 Uhr stehe ich wieder in der Küche. Das Anfeuern klappt ohne Probleme, es gibt also bald heissen Kaffee. Nach dem Zmorge-Abwasch machen sich Ernst und ich wieder ans Zusammenlegen der Wolldecken. Auch sonst geht die Arbeit nicht aus. WC putzen, den Abfall im Keller sortieren, die Vorräte in der Kammer neben der Küche nachfüllen. Mais hat es keinen mehr, die Butter geht langsam aber sicher zur Neige. «Gut, kommt am Samstag der Helikopter mit neuen Vorräten», sagt Bernadette Ackermann. Dieser nimmt gleichzeitig das Hüttenteam ins Tal. Schichtwechsel ist angesagt. Ich dagegen mache mich noch an diesem Mittag zu Fuss wieder auf den Weg. Und bald tropft es wieder. Diesmal aber ist es nicht der Schweiss, sondern der Regen.



Sommerserie-Kolumne

Unbezahlbar



von Monika Wüest

Ohne Geld geht nichts. Das merkten wir Quartierkinder schon früh. Keine Panini-Bildchen, keine Süssigkeiten im Tante-Emma-Laden auf dem Schulweg. Bereits in der Primarschule versuchten wir daher, Blumensträusse aus selbst gepflückten Blüemli zu verkaufen. Irgendwer hatte immer Erbarmen mit uns – doch ein Verkaufsschlager wurden unsere floristischen Kunstwerke nie. An einem Nachmittag verdienten wir so im besten Fall etwa zwei Franken pro Person. Dennoch, für uns war das viel Geld. Vor allem, da wir alle Zeit der Welt hatten. Dass diese auch kostet, wussten wir damals noch nicht.

Das änderte sich spätestens bei meinem ersten richtigen Ferienjob. In der «Güggalifabrik» SEG in Zell verpackte ich Poulet um Poulet, schnitt Innenfilet um Innenfilet ab, faltete eine Kartonschachtel nach der anderen. Und wusste, Stechuhr sei Dank: Jede Minute zählt. Bei 16 Franken Stundenlohn knapp 27 Rappen. Für zwei Franken brauchte ich also nicht mehr einen ganzen Nachmittag, sondern nur noch 7,5 Minuten. Ich arbeitete, so viel ich durfte. Da konnte der Job noch so eintönig sein.

Während meines Taglöhner-Einsatzes in einer SAC-Hütte fühlte ich mich wieder in die gute alte Blüemli-Verkaufszeit zurückversetzt. Wer hier beginnt, einen Stunden- oder gar Minutenlohn auszurechnen, sollte schleunigst seine Wanderschuhe schnüren und Richtung Tal fliehen. In den Hütten zählt nicht die Zeit, sondern das, was Ende Saison in der Kasse bleibt. Doch für alles Geld der Welt kann man sich eines nicht kaufen: Die Erlebnisse, die einem die eindrückliche Bergwelt bietet, sind unbezahlbar.





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